Das
Rauhe Haus gilt als
„Brunnenstube der Inneren Mission“ und ist die Wiedergeburtsstätte des
Diakonenamtes in den Kirchen der Reformation nach über tausendjährigem Dornröschenschlaf
während der Kirchengeschichte.
ab 4.04.2002
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Lebensbilder von
Diakonen des Rauhen Hauses
geplant ist ein Buch mit Lebensportraits von Diakonen des
Rauhen Hauses
als
Ein Beitrag aus dem vom Webmaster herausgegebenen Buch
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Johann
Hinrich
Wicherngeboren
am 21. April 1808, hatte angesichts des Kinderelends seiner Zeit
das Rauhe Haus 1833 als junger Kandidat der Theologie mit Hilfe
einflussreicher Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs
aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und
Jugendliche gegründet und aufgebaut.
Für seine immer umfangreiher werdende pädagogische Arbeit benötigte er
schon bald Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen entwickelte sich
später der Beruf des Diakons.
Das Familienprinzip, in dem
Wichern seine Schützlinge betreute und erzog, erforderte eine größere Anzahl
von Gehilfen. Im
Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel
nach Hamburg, um Wichern
als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr bei freier
Kost und Logis als Betreuer einer „Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen.Nach drei Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes
Rettungshaus in Mitau im Kurland.1839
ermächtigte der Verwaltungsrat Wichern, der Ausbildung von Gehilfen im Rauhen
Haus "die gröstmögliche Veröffentlichung zu geben". Wichern
ließ deshalb von 1843 an über die Gehilfen, schon damals Brüder genannt,
eigene Jahresberichte erscheinen. Auf ihre theologische Ausbildung in
seinem "Gehilfeninstitut" verwandte er große Sorgfalt. Aus
seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz Deutschland rief und die ihn bei
seiner Erziehungsarbeit im Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der
Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt wurden, baute er den hauptberuflichen
Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als Hausväter
in „Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als Stadtmissionare in
ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig wurden.
Wichern:
„Treue,
gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise, in der Schrift
bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke, geschickt zu solch
einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt, wünschen wir in Scharen
unter das Volk.“
Erst
Jahrzehnte später nannte man diese „Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen
Vorstellungen Diakone. Bis in die 1970er Jahre sprach man von der
männlichen Diakonie. Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach
wurden Ausbildung und Beruf im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden
Emanzipation auch für Frauen geöffnet. Aus der Brüderschaft wurde die
Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses. Heute bildet die Fachhochschule des Rauhen Hauses in Hamburg Frauen und
Männer zu Diplom-Sozialpädagog(inn)en und Diakon(inn)en aus.
Einer der ersten Diakone des Rauhen Hauses war Christoph
Friedrich Götzky. Er wurde am 6.
November 1822
geboren. Am 24. November 1845 wurde er zur Ausbildung in das Gehilfeninstitut
des Rauhen
Haus aufgenommen. Er wirkte ab 1847
43 Jahre lang als Hausvater des Rettungshauses Rothes Haus in
Brüssow. Er verstarb am 28. März 1894
im Alter von 71 Jahren.
Erinnerungen an den Bruder des Rauhen Hauses, Christoph
Friedrich Götzky-geboren am 24.11.1845 – gestorben am 28.03.1894
Diakon Christoph Bretschneider recherchierte aus dem
Briefwechsel zwischen seinem Urgroßvater Christoph Friedrich Götzky und
Johann Hinrich Wichern dieses Lebensportrait:
Christoph Friedrich Götzky wurde am 6. November
1822 in Braunschweig geboren und römisch-katholisch getauft.Er hatte den Beruf des Buchbinders erlernt.Seine Mutter hatte ihn vom Militärdienst freigekauft.Im Spätsommer 1844 begab er sich von Braunschweig aus auf eine
Wanderschaft gen Norden.Sein Ziel
war Schweden.Wohl, um seine
Reisekasse aufzubessern, nahm er in Horn bei Hamburg eine Arbeit an.Der Buchbindermeister August Sandelmann im Rauhen Hause suchte gerade
eine Hilfskraft.Druckerei und
Buchbinderei des Rauhen Hauses verzeichneten seit der Herausgabe der
„Fliegenden Blätter“, dem Mitteilungsblatt des Rauhen Hauses, einen
derartigen Aufschwung, dass im Sommer 1844 mit einem Neubau für die Erweiterung
der Buchbinderei begonnen wurde.Das
Richtfest am 22. August wird Christoph Friedrich Götzky nicht mitgefeiert
haben, wohl aber die Fertigstellung des Neubaus.
Von Wicherns Arbeit mit den Kindern war Götzky bald so
angetan, dass er beschloss, Gehilfe in der eigentlichen Arbeit des Rauhen Hauses
bei Wichern zu werden.Nach gut
einjähriger Tätigkeit in der Buchbinderei wurde er, inzwischen zum
evangelischen Glauben konvertiert, am 24. November 1845 als Bruder in das
Gehilfeninstitut aufgenommen.Er
war im Haus „Bienenkorb“ in der Jungenbetreuung tätig.
Während seiner Reise durch den Norden Deutschlands
handelte Johann Hinrich Wichern in Brüssow mit dem zuständigen Komitee aus,
ein zu gründendes „Rettungshaus“ mit einem Bruder aus dem Rauhen Hause zu
besetzen.
Am 23. Oktober 1847 trat C. F. Götzky die 14tägige Reise
nach Brüssow in der Uckermark, westlich von Stettin, an.Sie führte zu Fuß, mit Pferdeomnibussen und mit der Eisenbahn über
Bremen, Celle, Braunschweig, wo er seine Angehörigen besuchte, weiter über
Berlin nach Brüssow.Dort fand er
ein leeres Haus vor.Nur ein Bett
war vorhanden.In dem
Superintendenten Hohlfeld und seiner Frau fand er Menschen, die ihm in der
ersten Zeit mit Rat und Tat zur Seite standen.Es mag nicht einfach gewesen sein, aus der Geborgenheit in Wicherns
Wirkungskreis im Rauhen Haus in die ferne Kleinstadt Brüssow mit ihren etwa
1.800 Einwohnern versetzt zu werden.Am
1. Dezember 1847 wurde das Rothe Haus eingeweiht.Begründer war der Oberamtmann Osterroth.Seinen Namen sollte das Haus tragen.Da die Bezeichnung „Haus Osterroth“ jedoch zu lang erschien, so
nannte man die neue Anstalt „Rothes Haus“.Die ersten Jungen wurden aufgenommen.Bei der Einweihungsfeier hatte C. F. Götzky als Tischdame die Frau des
Oberamtmannes Osterroth neben sich zu sitzen, die sich nur fürs Theater
interessierte.„Sehr drückend
war es für mich, 2 ½ Stunden am Tische zu sitzen", schrieb er an Wichern.Was war ein Rettungshaus ohne Hausmutter?Die angeworbene Haushälterin machte ihm Sorge.Sie war in der Wirtschaft unordentlich und zu den Jungen lieblos.Noch eine Sorge quälte ihn.Während
der letzten Zeit seiner Ausbildung im Rauhen Hause hatte er eine junge Frau
kennen gelernt, Wilhelmine Jessen, die ihm wohl zusagte.Dann aber kamen ihm Bedenken.Er
zog ein gegebenes Versprechen zurück.Das
verursachte Seelenqualen und trübe Stunden.Wichern schaltete sich ein und vermittelte.Aber schon bald fand Götzky in Johanna Bröcker aus Brüssow die
Lebensgefährtin und Hausmutter, die ihm bis zu seinem Tode 1894 treu zur Seite
stand.
In Wichern hatte C. F. Götzky einen väterlichen Freund gefunden, dem er sich
vorbehaltlos anvertraute. Von 1847
bis 1873 stand er mit Johann Hinrich Wichern, später mit dessen Nachfolger, dem
Sohn Johannes Wichern, in regem Briefwechsel. Die Briefe an Wichern waren
zunächst Tätigkeitsberichte über seine Arbeit im Rettungshaus. Wichern hatte
die Brüder verpflichtet, in regelmäßigen Abständen zu berichten. Darüber
hinaus enthalten diese Briefe Mitteilungen über das Familienleben und über
besondere Ereignisse in Brüssow. Christoph Friedrich litt in den ersten Wochen und Monaten
sehr darunter, kaum Nachrichten aus dem Rauhen Hause zu erhalten.Weder von Wichern noch von seinen Mitbrüdern traf Post ein.Nun
fehlten ihm Wicherns Rat und Zuspruch.Wichern
war jedoch im Jahr 1848 mit bedeutenden Aufgaben, besonders mit dem Kirchentag
in Wittenberg, so ausgelastet, dass der Kontakt zu den Brüdern in den Außenstationen
darunter litt.Um diesem Zustand
abzuhelfen, wählte er die Form der Rundschreiben an die Brüder und benutzte
die Fliegenden Blätter für Mitteilungen.
Erst durch die Heirat mit Johanna Bröcker am 25. Juli 1848
wurde Götzky in Brüssow heimisch, und die Jungen bekamen damit eine
Hausmutter.„Mit ihr ist ein
guter Geist eingezogen“, schreibt er.
Das Einkommen des C. F. Götzky bestand aus freier Station
(Essen, Trinken, Wohnung) für sich, seine Ehefrau und die leiblichen Kinder,
sowie aus einer geldlichen Entschädigung von jährlich 80 Talern zuzüglich 10
Taler für Kaffee, Tee und Zucker.Seine
Frau erhielt für ihren Einsatz ein jährliches Entgelt von 20 Talern.Diese Mittel reichten mit zunehmender Kinderzahl schon bald nicht mehr
aus.Mehrere Anträge an den
Vorstand auf Erhöhung der geldlichen Zuwendungen wurden stets mit der Begründung
abgelehnt, dass die Anstalt diese nicht tragen könne.Lediglich individuelle Zuschüsse für besondere Anlässe wurden seitens
des Vorstandes auf Antrag gewährt.Götzky
wandte sich mehrmals auch an Wichern, der mit Mitteln aus der Brüder-Hilfskasse
aushalf.
Christoph Friedrich Götzky war ein frommer Mann mit einem
großen Gottvertrauen.Dies
bezeugen seine Briefe.Er erteilte
regelmäßig Religionsunterricht und versuchte, seine anvertrauten Jungen zum
rechten Glauben zu führen.Er
hatte viel Freude an seinen Zöglingen, aber auch manche herbe Enttäuschung
hinzunehmen.
Auch an den eigenen acht Kindern hatten die Eltern ihre
Freude.Manches Leid blieb ihnen
nicht erspart.Der Tod des siebten
Kindes Hermann, der als 18jähriger Seminarist an einem Lungenleiden starb,
traf die Eltern besonders schwer.Der
älteste Sohn Johannes kam erst nach einem dreijährigen Amerika-Aufenthalt
auf Umwegen zu seinem Beruf als Versicherungsagent.Der jüngere Sohn Martin, der Diakon und Lehrer wurde, musste nach dem
Tod seines Bruders zunächst eine Gärtnerlehre absolvieren, um viel an der
frischen Luft zu sein und nicht nur hinter Büchern zu sitzen.Von seiner Frau berichtet C. F. Götzky nur wenig in den
Briefen an Wichern, dabei hatte sie doch die Hauptlast zu tragen und neben acht
eigenen Kindern noch bis zu 15 Zöglinge des Rettungshauses zu versorgen.Götzky hing sehr am „lieben Rauhen Hause“.Er empfand es als ein Geschenk Gottes, Wichern begegnet zu sein.Er hätte am liebsten alle seine Kinder im Rauhen Haus ausbilden lassen.Zwei seiner sechs Söhne, Adolph und Martin, gingen durch die Ausbildung
der Brüderanstalt.Seine jüngere
Tochter Johanna heiratete den Rauhäusler Bruder Hermann Uhlig, der im Rothen
Hause zu Brüssow zunächst als Gehilfe tätig war, wo beide sich kennen
lernten.Zwei weitere Söhne,
Johannes und Wilhelm, schlossen sich der Diakonenschaft des Rauhen Hauses als
Freibrüder an.Sohn Adolf
heiratete eine Diakonentochter, Katharina Elisabeth Schrewe.Ein Schwager des Christoph Friedrich Götzky, Ernst Hippe, wurde
ebenfalls Bruder des Rauhen Hauses.Eine
besondere Freude war es ihm, an den Brüdertagen im Rauhen Haus teilzunehmen.Nach der Pensionierung am 30. Juni 1890 zog das alte Ehepaar Götzky für
ein Jahr von Brüssow nach Hamburg ins Rauhe Haus.
1891 zogen die alten Götzkys zu ihrem Sohn Adolph
und Familie in Groß Rosen in Schlesien, wo Christoph Friedrich am 28. März
1894 im Alter von 71 Jahren verstarb.
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